Sprich Gutes oder schweig

In einem Hadith wird man dazu aufgefordert zu schweigen, wenn man nichts Gutes sprechen möchte. Ein paar erläuternde Gedanken hierzu.

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Sprache bedeutet auch Verantwortung — Photo by Ron McClenny on Unsplash

In einem deutschen Sprichwort heißt es: “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.” Als Pendant findet sich auch in muslimischen Quellen ein bekannter Ausspruch vom Propheten Muhammad (saw). Darin heißt es:

“Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll entweder Gutes sprechen oder schweigen.”

Zu finden ist dieser Ausspruch in den berühmten Hadith-Sammlungen von Bukhari (ra) und Muslim (ra). Es geht auf Überlieferungen von Abu Huraira (ra) und Abu Shuraih (ra) zurück. Letzterer gibt auch eine längere Fassung weiter, die sich in den Hadithsammlungen von Bukhari (ra) , Muslim (ra), Tirmidhi (ra), Abu Dawud (ra), Ibn Majah (ra), Malik (ra), Darimi (ra) und Ahmad ibn Hanbal (ra) finden. Sie lautet ungefähr folgendermaßen:

“Der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: “Wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll seinen Nachbarn freundlich behandeln. Und wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll seinem Gast Gastfreundschaft erweisen. Und wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, der soll entweder Gutes sprechen oder schweigen.”

Gefahren der Zunge

Die Gefahren der Zunge sind ein breit diskutiertes Thema in der islamischen und muslimischen Literatur. Imam al-Ghazali (ra) hat sich beispielsweise dieses Themas angenommen und zählt in seinem Werk “Ihya ulum ad-Din” ungefähr 20 verschiedene Gefahren der Zunge auf. Und Scheich Abd al-Ghani an-Nablusi (ra), im deutschsprachigen Raum vor allem als besonderer muslimischer Aufklärer rezipiert, hatte diese Unterteilung sogar erweitert und als 72 verschiedene Gefahren dargestellt.

Tatsächlich lässt sich festhalten, dass vor allem folgende Gefahren, die von der Zunge ausgehen, immer wieder von Gelehrten bei Erläuterungen aufgezählt werden: Abweisung, Beleidigung, Demütigung, falsches Zeugnis ablegen, lästern, lügen, Meineid leisten, reden über die Ehre der Menschen, reden über Nutzloses und verspotten anderer.

Kontrolle über eigene Handlungen und Zunge

Grundsätzlich sollen sich Muslim*innen mit sinnvollen und nützlichen Dingen in ihrem Alltag beschäftigen. Die eigene Zunge und die eigenen Handlungen sollten dabei immer wieder überprüft und auf die Waagschale geworfen werden. Denn manchmal kann es sein, dass die Zunge unbeabsichtigt und unkontrolliert Dinge sagt, die einem selbst und anderen Schaden zufügen. Und damit ist natürlich vor allem die Sprache, das Wort des Menschen gemeint, welche als Waffe dienen kann.

Sprache und Kommunikation können durchaus ein Problem sein, die gläubige Menschen vom richtigen Weg abbringen. Dies liegt beispielsweise vor, wenn eine Person immer wieder pausenlos, unüberlegt und unkontrolliert viel spricht. Wer viel spricht, läuft Gefahr, auch viele Fehler zu machen. Deshalb gilt auch aus islamischer Perspektive, das Schweigen zum Heil und zum Frieden führen können. Das bedeutet nicht, dass Muslim*innen sich komplett zurückziehen und nichts mehr sagen sollen.

Sprache ist ein Instrument und eine Waffe zugleich

Es bedeutet vielmehr, dass sich Muslim*innen über ihre Worte und die Macht ihrer Worte klar sein müssen. Sie müssen sich des Gewichts ihrer Worte klar sein, die sie nach außen kommunizieren. Und sie müssen ihre Absichten diesbezüglich immer wieder infrage stellen. Mit Worten kann man heutzutage viel Schaden anrichten. Man kann seine Mitmenschen beispielsweise verletzen, aufstacheln, beleidigen, bloßstellen oder erniedrigen.

Sprache, das sehen wir gerade in unseren modernen Zeiten, ist ein Instrument, um sich graziös auszudrücken. Mittlerweile wird Sprache aber auch als verkommenes Mittel benutzt, als eine Waffe gegenüber Andersdenkenden. Die Absicht hinter gesprochenen Worten sollte daher immer genau beachtet werden und sie sollte im Vordergrund stehen. Geht es einer Person beispielsweise um die Spaltung der Gesellschaft? Oder sind es ermahnende Worte, die vor einem falschen Weg, einer falschen Entwicklung oder einer falschen Grundhaltung warnen?

Unsere eigenen Absichten hinterfragen

Muslim*innen müssen sich der Macht ihrer Worte bewusst sein und sie bei Gebrauch immer wieder überprüfen. Sie müssen sich bewusster ausdrücken und klarer zeigen, was sie möchten. Vor allem aber muss jedes Wort immer mit dem Ansatz getätigt werden, dass es im Sinne Allahs (swt) ist und dem Guten dient. So darf es nicht passieren, dass man die Hoheit über das gesprochene Wort verliert. Ansonsten wird man nur zu einem Diener und Knecht des eigenen Wortes.

Wie wichtig es ist, sich immer wieder Gedanken darüberzumachen, was man sagt und wieso man etwas sagt, findet sich auch als Erinnerung und Mahnung im Quran wieder. So heißt es in den Versen 16–18 der Sura Qaf:

“Wir erschufen den Menschen und wissen, was ihm sein Innerstes zuflüstert. Und wir sind ihm doch näher als (seine) Halsschlagader, wenn die beiden Aufzeichnenden aufschreiben, zur Rechten und zur Linken sitzend. Kein Wort äußert er, ohne dass ein Wächter ständig bei ihm wäre.”

Die Aufzeichnung der Taten und der Worte sind eine Aufgabe für die Engel (as). Wer also an Allah (swt) und den Jüngsten Tag glaubt, der soll entweder Gutes sprechen oder schweigen. Vielleicht findet er so Frieden und Glückseligkeit.

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