Sommer-Tour 2020

Manchmal sind Begegnungen wertvoll und bereichern. Manchmal verbirgt sich das Böse nicht, sondern ist vor aller Augen. Manchmal ist man alt geworden.

Gestern habe ich wieder meine Sommer-Tour begonnen. Ich melde mich bei Menschen, die ich lieb habe und wieder sehen möchte. Es ist ein informelles Treffen. Man schnackt über alles möglich, isst eventuell zu Abend oder trinkt einfach einen Kaffee miteinander. Falls ihr also in den nächsten Tagen Post in eurem Postfach haben solltet: Es kann sein, dass ich euch treffen möchte.

Kurz nach Dienstschluss habe ich einen lieben jungen Bruder besucht. Er führt für seinen Onkel, ganz in der Nähe meiner neuen Arbeitsstelle, einen Laden mit Luxusartikeln für die gehobene und kaufstarke Kundschaft. Ich hatte ihm mal vor zwei Jahren versprochen, dass ich ihn bei seiner Arbeitsstelle besuchen werde. Es kam erst gestern endlich zu diesem Besuch.

Situation muslimischer Jugendlicher in Hamburg

Es war ein nettes Gespräch bei einer Dose kaltem Red Bull in einem Laden, in das ich mit meinen Klamotten und meiner sozialen Schicht eigentlich überhaupt nicht reinpasse. Auf der anderen Seite war es ein bereicherndes Gespräch, weil wir uns über die Situation muslimischer Jugendlicher in Hamburg ausgetauscht haben und welche Bewegungen gerade Probleme machen und auf welche Bewegungen man besonders ein Auge haben sollte.

Auf der anderen Seite sprachen wir auch über die Verhaltensweisen von Menschen, wenn sie glauben, ihr Gegenüber ist eine Respektsperson oder eine reiche Person. In seinem Geschäft, muss er die Kunden behandeln wie Könige, seine Freunde aber letztlich im Ungewissen lassen, damit sie keinen falschen Eindruck haben. Es sind die Sorgen eines Menschen, der trotz aller Erfolge nicht abgehoben ist und nicht so wahrgenommen werden möchte.

Familien und Sohbet in Zeiten von Corona

Wir sprachen über Familien und die Familienkrisen in Zeiten von Corona. Wo viele vorher annahmen, die Menschen würden mehr Kinder bekommen, wird heute eher gewähr, dass sich viele Menschen trennen werden. Wir sprachen über öffentliche Verkehrsmittel und wieso es manchmal besser ist Bus und Bahn zu fahren oder einen Roller zu haben, als in der Innenstadt herumzudüsen.

Es war ein anregendes Gespräch und wir haben viel nachgeholt. Künftig wollen wir uns öfter zum Mittagessen treffen. Er lud mich auch zu Vortragsabenden ein, die immer freitags stattfinden. Ich bin immer wieder mal auf Vorträgen und kleineren Sohbet-Gruppen unterwegs. Aber auch mit Corona hat dies sehr stark gelitten. Vielleicht nehme ich das Angebot dann doch mal an, sobald es noch ein bisschen mehr Lockerungen gibt.

Café Türkis, Seelsorge und Bestattungswesen

Gestern Abend waren wir im Café Türkis. Das Geschäft läuft immer noch gut und die Burger schmecken immer noch lecker. Die Auswahl an Getränken, Cocktails und Co. hat auch zugenommen. Die Bedienung ist auch nett, höflich und deutlich schneller, als ich es in Erinnerung hatte. Ich bin in unregelmäßigen Abständen immer wieder mal vor Ort. Falls ihr also die Zeit habt, dann nutzt die Chance und schaut rein.

Das gestrige Gespräch verlief auch entsprechend lustig, nett und wir hatten viel Spaß. Es gab aber auch ernste Themen: Beispielsweise was Corona eigentlich mit den Menschen macht, wie Menschen damit umgehen und wie sich dieser Umgang auch in der neuen Trauer zeigt. Wie belastend solche Unterstützung, sei es in der Seelsorge oder dem Bestattungswesen sein kann, wird oft vergessen.

St. Georg hat sich für mich sehr verändert

Nach dem Essen, Nachtisch und vielen Getränken sind wir dann auch noch mal spazieren gegangen. Auch das hat mich überrascht. Ich habe gestern nämlich vorher in nur einer Stunde neue Ecken in St. Georg entdeckt, die mir bisher nicht aufgefallen waren. Mit all seinen Facetten von Schönheit aber auch Verderbtheit war mir St. Georg schon immer eine zweite Heimat gewesen. Jetzt jedoch konnte ich an verschiedenen Ecken das eher verdrängte St. Georg sehen.

Neben den Kult-Ecken wie dem Steindamm oder der Langen Reihe habe ich hier auch abseits der Straßen das Elend gesehen. Wer heute am Hansaplatz vorbeigeht, dem dringt der Urin-Geruch beim Springbrunnen selbst durch die beste Atemmaske. Die Menschen halten sich nicht an Auflagen. Sie spritzen sich vor aller Augen die Drogen in die Arme. Frauen, die aufgrund von Corona sich eigentlich nicht prostituieren dürften, bieten ihre Körper für einen Schuss an oder lassen sich zu noch günstigeren Preisen oder Gratis-Dienstleistungen erpressen.

Abgründe menschlichen Elends finden sich in Seitengassen und vor aller Augen

Abseits des gängigen Straßenstrichs lauert der Kinderstrich, auf dem kleine Mädchen und junge Frauen verelenden. Einige tragen ihre schwangeren Körper vor sich her und suchen nach Freiern, die sich von Corona nicht abschrecken lassen. Während ich die unscheinbare Seitengasse begehe, sehe ich, wie sich einer seinen Stoff gerade in die Pipe steckt und der Prostituierten sagt: “Du bekommst nix, wenn du nicht fickst.”

Das alles passiert nicht zu einer unscheinbaren Zeit, sondern um etwa 17 Uhr, an einem Freitagabend. Während auf dem Steindamm das volle Leben passiert, endet auf solchen Nebengassen die Menschheit. Und wer sich dann zum Gemeindehaus in St. Georg aufmacht, um mal zu sehen, was die Kirche macht, wird überrascht von den auf Bänken ihren Rausch ausschlafenden Menschen. Wann ist dieses Viertel so sehr verelendet, fragt man sich. Oder war es schon immer so und man hat nur seine Augen davor verschlossen?

Seit ein paar Monaten rauchfrei

Unser Spaziergang nach dem Abendessen führte uns nicht in diese Elendsecken. Es führte uns vorbei an Hotels, an Neubauten, an der Centrum-Moschee vorbei am Lindenbazar. Einer meiner Kollegen zündete sich eine Zigarette an. Unterwegs trafen wir auf einen weiteren früheren Bekannten. Er wollte auch rauchen. Ich wollte wissen, ob er immer noch so geizig mit seinen Kippen umgeht. Ich bat um eine. Er gab mir, ohne zu zögern, eine Kippe. Ich gab sie ihm zurück.

Seit Ausbruch von Corona habe ich eigentlich nicht mehr geraucht. Hin und wieder verspüre ich dann doch das Bedürfnis. Aber ich bin jetzt seit mehreren Monaten rauchfrei. Dafür habe ich aber während und nach dem Lockdown, doch ein paar Pfründe aufgebaut. Ich bin wieder dabei alles loszuwerden. Das Leben ohne Zigaretten fällt mir schwer. Manchmal kaufe ich mir doch eine Packung, um sie am Ende nicht zu öffnen und in meinem Schrank zu verstauen. Wenn der Wunsch zu groß wird, werde ich vermutlich nachgeben.

Man ist alt geworden

Auf der anderen Seite ist es so, wie ein Arbeitskollege es mir gesagt hat, der zeitgleich aufgehört hat. Man riecht als Nichtraucher sehr genau, wie Raucher eigentlich stinken. Der Geruch stört dann doch. Vor allem, wenn man kurz davor ist auf die Fähre zu steigen oder von der Fähre zur S-Bahn wechseln muss. Irgendwie ist rauchen keine Lebensart mehr. Das war es mal, als Hip-Hop, Gangster-Kultur und Wilhelmsburg als Getto funktionierten.

Heute ist man erwachsen und trifft sich spontan mit Freunden und Bekannten zum Gespräch. Und man fragt nach einer Zigarette, um am Ende doch darauf zu verzichten. Man ist alt geworden. Vermutlich deshalb will ich auch auf die Gespräche nicht verzichten. Ich will aber auch nicht die Augen verschließen, vor den Problemen, die sich in unserer Stadt auftun und die nicht neu sind. Es fehlt an Konzepten und Durchsetzung von Ideen.

Written by

Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

Get the Medium app

A button that says 'Download on the App Store', and if clicked it will lead you to the iOS App store
A button that says 'Get it on, Google Play', and if clicked it will lead you to the Google Play store