Polizeigewalt in Hamburg

Was macht Polizeigewalt eigentlich mit einem? Und was macht es mit einer ganzen Community? Haben die Polizisten in Hamburg überreagiert und übertriebene Härte gegen einen 15-Jährigen ausgeübt? Ein paar Gedanken.

Das Video zeigt, wie mehrere Polizist*innen versuchen, einen Jugendlichen außer Gefecht zu setzen. Der junge Mann wehrt sich auf dem Video. Man erkennt nicht, dass er gerade mal 15 Jahre alt ist. Hinter ihm steht in Worten auf Englisch geschrieben: “I can’t breathe”. Die letzten Worte von George Floyd, dessen Tod eine Leitfigur der Black Lives Matter Bewegung geworden ist. “Ich kann nicht atmen!”, ist auch der Satz des jungen Mannes im Video.

Polizisten versuchen Bürger*innen davon abzuhalten, dass Vorgehen von mehreren Beamten gegen einen Jugendlichen zu filmen. Am Ende zieht der junge Mann sein T-Shirt aus. Er wurde mehrfach geschlagen und wird mit Pfefferspray überrumpelt. Mittlerweile hat sich die Polizei versucht in einer Presseerklärung zu erklären. Das Schreiben wird im Netz mit Häme aufgenommen. Der junge Mann sei mit einem Roller über den Gehweg. Einige Fragen zu Recht: Seit wann interessiert das irgendjemanden?

Polizeigewalt ist aktuell ein bundesweites Dauerthema

Polizeigewalt ist an diesen Tagen nicht nur in Hamburg ein Thema, sondern bundesweit. Selbst der Social Media Redakteur der Polizei war wohl überfordert mit dem Fall. Er erklärte vor der öffentlichen Stellungnahme, in einem Tweet, dass es eine Stellungnahme geben werde. Die Kommentarfunktion wurde vorsorglich abgeschaltet. Man wusste vermutlich, was da kommen könnte. Meinungsfreiheit ist nicht immer gewünscht. Und der Innensenator ließ es sich nicht nehmen seinen Polizist*innen den Rücken zu stärken.

Der junge Mann schildert seinen Fall mittlerweile gegenüber der türkischen Presse — im Inland und im Ausland. Der staatliche Sender TRT veröffentlichte ein Exklusiv-Interview. Lokale Presseorgane berichten über den Fall, der die türkeistämmige Community in Hamburg, immerhin aus mindestens 100.000 Personen bestehend, aufrüttelt und empört. Die Türkische Gemeinde Hamburg, die nicht gerade dafür bekannt ist, leichtfertig irgendwelche Pressestatements zu veröffentlichen, verurteilt den Angriff auf den Jungen.

Polizeigewalt ist nichts Neues und bekannt in den Communitys

In diesen Tagen diskutiert dann auch die halbe Republik darüber, ob es richtig war, wie die Polizist*innen vorgegangen sind. Die Polizei Hamburg sagt in ihrer Erklärung letztlich: Ja. Die Meinung der türkeistämmigen Community sagt nein. Der junge Mann war weder bewaffnet noch wirkte er wirklich aggressiv. Er stand tatsächlich nur in einer Verteidigungshaltung und wehrte Angriffe der Polizist*innen ab. Das Gleiche gab der junge Mann auch im Interview mit TRT wieder. Er habe sich nur verteidigt. Man habe ihn geschlagen und angegriffen. Erst dann habe er sich widersetzt.

Die Szenen aus dem Video sind tatsächlich harte Kost auf der Seele der türkeistämmigen Bevölkerung in Hamburg. Egal, ob Kurd*innen, Alevit*innen oder Türk*innen — man kennt solche Horror-Storys und in der Vergangenheit hat man auch immer wieder rassistisch motivierte Übergriffe bei der Polizei beklagt. Erstmals ist ein Vorgehen gegen einen Jugendlichen teilweise dokumentiert und zeigt auch die Härte, mit denen die Polizei vorgehen kann. Die Frage, die sich vielfach stellt: “Was wäre gewesen, hätte es keine Kameras gegeben, die das gefilmt hätten?”

Wir haben keine Privilegien und unsere Kinder auch nicht

Wenn man hier aufwächst, will man mit dem gleichen Respekt die Polizei betrachten, die sie eigentlich verdient. Solche Fälle zeigen aber, für die Community insgesamt, dass man eigentlich nicht dazu gehört. Kein Kind in der Neustadt wäre so behandelt worden, wäre es blond und blauäugig gewesen. Es ist ein Privileg sorgenfrei als Kind groß zu werden, wenn man kein Opfer von Racial Profiling oder eben bewusster Polizeigewalt gegen MigraKids ist. Der Fall mag für die Bevölkerung ein vernachlässigenswerter Fall von vielen Fällen sein.

Sie sehen die Komplikationen nicht. Natürlich fragt man sich, was man seinen Kindern in solchen Fällen beibringen soll. Wie sie reagieren sollen. Wie sie antworten sollen, was sie tun sollen. Aber ist das etwas, was man Kindern beibringen muss? Welcher “deutsche” Vater, der weiße Kinder hat, trichtert seinem Kind ein, dass er sich nicht gegen die Polizei zur Wehr setzen soll? Welcher Schwarze verzichtet darauf, seine Kinder auf solche Begegnungen vorzubereiten?

Der Opferstatus ist eben doch bittere Realität

Dazu kommt ein Opferstatus, der in solchen Fällen gar nicht erfunden, sondern bittere Realität ist. Menschen, die das bezweifeln, können gerne weiter auf ihren Elfenbeintürmen in ihren Elbvororten und Villen leben. Kids aus dem Veddeler Deich oder dem Harburger oder Wilhelmsburger Ghetto werden dadurch nicht weniger diskriminiert. Es mag sein, dass die privilegierte Oberschicht auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund glaubt, es gäbe keinen Opferstatus. Sie werden spätestens dann zu Opfern, wenn sie im Benz in Blankenese vorfahren, oder ihre schwarzen Kids von dort aus S-Bahn fahren wollen.

Das kollektive Gedächtnis der Türkeistämmigen in Hamburg vergisst auch nicht. Es erlebt eine Enttäuschung nach der anderen und es ändert sich an den Grundproblemen nichts. Hamburg hat einen NSU-Fall, der bis heute nicht in einem parlamentarischen Gremium untersucht wurde. Es gibt zigfach dokumentierte Morde an Hamburger*innen, die von Rechts begangen und mit minderen Strafen oder in vielen Fällen nie vollständig aufgelöst wurden. Oder erinnert sich noch Jemand an den syrischen Wohltäter, der vor nicht mal einem Jahr mit Axt und Beil getötet wurde? Der Fall leigt weiter in den Akten. Keine Empörung. Nirgends. Das Interesse an Aufklärung ist nicht vorhanden und war auch nie wirklich da.

Polizei prüft Fehlverhalten von Polizei. Das ist keine gute Lösung!

Es gibt keine unabhängigen Stellen die Polizeigewalt und damit verbunden auch Racial Profiling untersuchen. Stattdessen wird, wie auch im jetzigen Fall, das Dezernat Interne Ermittlungen (DIE) eingeschaltet. Das DIE hat selbst in eigenen Kreisen keinen guten Ruf mehr. Polizist*innen sollen mögliches Fehlverhalten von Polizist*innen überprüfen? Ist das glaubwürdige und verlässliche Aufklärung? Das glaubt doch die Polizei selbst nicht.

Viel fataler wiegt, wie das Misstrauen gegen die Polizei wächst. Davon profitieren auch extreme Gruppen. Jede Polizeigewalt ist ein wohltuender Balsam-Tropfen für Gruppierungen wie die rechtsextremen Grauen Wölfe, linksextremer Terror-Organisationen wie der PKK oder islamistischen Gefährder*innen. Glaubt man wirklich, dass Polizeigewalt gegen einen 15-Jährigen dazu dient, diese Gruppen abzuschrecken? Die staatliche Propaganda trägt dann noch zu einem Push für identitätere Bewegungen bei. Diskriminierungserfahrungen sind, wie auch immer wieder durch Studien aufgezeigt werden — egal, ob echt oder nur gefühlt — integrationsschädigend.

Das Trauma eines jungen Mannes und das Trauma aller

Hinzu kommt auch: Was macht das eigentlich mit einem jungen Mann von 15 Jahren, wenn er solche Polizeigewalt erfährt? Der Vater will alle rechtlichen Mittel ausschöpfen und gegen die Polizist*innen vorgehen. Doch der junge Mann wurde geschlagen, gedemütigt und ist nun auch Vorführmodell für die Berichterstattung von Staatssendern. Jeder einigermaßen normale Jugendliche erleidet durch so etwas ein Trauma. Und das kann auf die eigene Entwicklung und für die gesamte Zukunft haben. Es gibt keine Unterstützung für Opfer von Polizeigewalt.

Man kann sich nur wünschen, dass solche Vorfälle nicht mehr passieren. Man kann sich nur wünschen, dass es eine ehrliche Aufarbeitung der Vorfälle gibt. Man kann sich nur wünschen, dass so etwas den eigenen Kindern nicht passiert. Und letztlich kann man nur hoffen, dass die türkeistämmige Community weiterhin ihre Ruhe und Besonnenheit behält. Denn auch das darf man nicht vergessen: Dass es bisher zu keinen Unruhen gekommen ist, liegt nicht am Verhalten der Polizei oder der Politik, die weder reflektiert noch verantwortungsvoll mit solchen Themen umgegangen sind. Es liegt an einer Community, die alles leise erträgt.

Vielleicht ist auch das ein Problem. Vielleicht müssen wir endlich laut sein und die Dinge beim Namen nennen: Der Einsatz war beschissen. Die Polizist*innen haben maßlose Gewalt angewendet und der Anlass dafür war noch schadenfeiniger als man es gewohnt ist. Das ist nicht unser “Freund und Helfer”. Und wir können froh sein, dass es eben da draußen auch andere Polizist*innen gibt, die sich wirklich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen.

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Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

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