Ist dir auch heiß?!

Die aktuell warmen Sommertemperaturen schlauchen die Menschen ganz schön. Die meistgestellte Frage, die Musliminnen nicht hören wollen lautet: “Ist dir nicht warm unter dem Hidschāb? Während alle Muslim*innen auch nicht hören wollen: “Du bist das doch gewohnt, wo du her kommst?” Ein paar Eindrücke der letzten Tage und ein paar Tipps.

Irgendwo auf Twitter habe ich den Spruch gelesen und ich fand ihn goldrichtig: “Bei 38 Grad zusammen einschlafen. Das schweißt zusammen.” Die Wärme ist gerade sehr schwer erträglich. Die Sonne prallt auf unsere Köpfe und wer nicht aufpasst, hat am Ende Sonnenbrand im Gesicht, allerdings nur auf der Hälfte, wo die Maske nicht drauf war. Soziale Distanz sorgt auch für sozial geformten, halbherzigen Sonnenbrand.

Der Umgang mit dem aktuellen Wetter fällt mir nicht leicht. Glücklich kann sich schätzen, wer so wie ich früh das Haus verlässt. Am Morgen ist alles noch okay, die Temperaturen erträglich und die Menschenmassen bleiben aus. Doch, wer wie ich, an einem Freitag die Fähre nach Finkenwerder nehmen muss, wird von Menschenmassen überrannt. Soziale Distanz ist da nicht möglich, wenn das Wetter gut ist.

Abkühlung verschaffen

Dazu kommen die neugierigen Fragen: “Wie machst du das eigentlich bei der Arbeit? Wie gehst du Zuhause damit um?” Das sind harmlose Fragen. Mein Bruder und ich haben für die kurzen Sommertage jedes Jahr ein gleiches Rezept. Wasser im Eisfach einfrieren lassen, das gekühlte Eis schön im Zimmer verdampfen lassen und sich so Abkühlung verschaffen.

Der Klassiker ist natürlich eine kalte Dusche. Und bei der Arbeit: Nun ja. Manche Arbeitgeber haben in der Vergangenheit immer wieder Ventilatoren besorgt. Hilft nicht. Und wer einen guten Arbeitgeber hat, der hat gleich eine Klimaanlage stehen. Ich schwitze jedenfalls nur wenig bei der Arbeit.

Neugierige Blicke — tolle Fotos

Was mich mehr ins Schwitzen bringt, ist die Neugierde, die ich selbst an den Tag lege. Und auch ich bin nicht davor gefeit, ein paar (rassistische) Fragen zu stellen. “Ist dir nicht warm unterm Hijab?”, wollte ich beispielsweise eine junge Frau fragen. Die war nämlich mit ihrer Freundin bei uns auf der Straße und ließ sich augenscheinlich für Instagram ablichten. Tatsächlich nutzen gerade viele Hijabistas das Wetter für schöne Aufnahmen im Freien.

Ich kann allein anhand der Geotags aufzählen, wie viele Leute das vor der Tür meiner Arbeitsstelle auf dem Jungfernstieg tun. Und es sind aktuell eine ganze Menge. Die junge Dame bemerkte mein Interesse und erklärte, dass sie Modebloggerin sei. Ich fragte, wie viele Follower*innen sie habe: Satte 5.000 und es ginge weiter bergauf. Wer ich bin, das wusste sie natürlich nicht. Ich bin mittlerweile weitestgehend unbekannt und das ist auch gut so.

Gute Spots — Neugierige Blicke

Die Frage nach der Wärme unter dem Hijab habe ich dann doch sein lassen. Stattdessen gab es einen Geheimtipp für bessere Aufnahmen unter Sonnenlicht auf der gegenüberliegenden Brücke beim Herrenausstatter Braun. Da scheint die Sonne extrem gut auf die Brücke, was eine bessere Belichtung ermöglicht. Gerade bei Sommerfarben ein guter Spot für schöne Fotos, der auch gerne genutzt wird.

Der nächste Impuls traf mich dann auf dem S-Bahn-Tunnelbahnhof im Jungfernstieg. Eine Frau im Niqab stand da am Bahnhof und wartete, wie ich auf den Zug. Ich musste allerdings ständig auf den Niqab starren. Denn anders als das schwarze Stoffstück, dass nur einen Augenschlitz zulässt, hatte diese Muslima eine blaue Maske zu ihrem Niqab aufgeschaltet. Auffälliger ging es kaum. Wie soll man da nicht fragen oder wegschauen?!

Wegschauen und Rassismus für Anfänger

Die gleiche Frage stelle ich mir auch jeden Tag beim Mittagessen oder bei der Fahrt nach Hause. Tatsächlich ist aktuell viel nackte Haut zu sehen. Wir fragten unsere Imame früher immer: Was sollen wir in solchen Fällen tun? Die Standardantwort: “Der erste Blick ist von Allah, der zweite vom Satan. Deshalb wendet euren Blick ab und tut Buße!” Ich habe schon vor langem aufgehört zu versuchen wegzusehen. Ich lese mittlerweile ein Buch oder vertiefe mich in mein Smartphone. Immerhin… andere Glotzen.

Der größte Fehler, den Menschen machen können ist, Menschen zu fragen, ob sie das aktuelle Wetter eh nicht gewöhnt sind. Das ist eine Form des Rassismus, die verletzend ist. Ich komme aus Hamburg und ich bin solches Sommerwetter tatsächlich nicht gewohnt. Das schlimme ist: Selbst in der Türkei, die ich meine zweite Heimat wähne, ist das Wetter nicht so schlimm. Hitze ja, aber nicht diese merkwürdige Mischung wie in Deutschland.

Das Wetter ist heiß, die Erleichterung ist nahe

Und wer Hamburg kennt, kennt auch das Schietwetter, das ich so liebe. Nächste Woche soll es wieder so werden, wie es sich gehört. Bleibt zu hoffen, dass die Menschen auch aufhören über das Wetter zu klagen. Ich für meinen Teil klage nicht. Es ist eher so, dass ich mich langsam dran gewöhne. Und auch das ist etwas, was wir alle lernen können: Mit Extremen umgehen — egal ob beim Wetter oder bei dummen und rassistischen Fragen.

Am Ende des Abends trinke ich wieder ein gekühltes Getränk. Das ist auch wichtig im Sommer: Viel Wasser trinken und den Wasserhaushalt aufrechterhalten. Am besten mit Wasser aus dem Wasserhahn. Der ist meistens in Hamburg sogar besser als Mineralwasser. Ich weiß, wovon ich spreche. Ein ehemaliger Arbeitskollege arbeitet für Hamburg-Wasser und weiß was Sache ist. Also: Guten Schluck und kühle Gedanken ;)

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Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

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