Ist die DITIB-Zentrale das neue Ziel von rechten Terroristen?

Die Zentrale der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion e.V. (DITIB) erhielt am heutigen Dienstag (9. Juli 2019) eine sehr ernst zu nehmende Bombendrohung per Mail. Das Gebäude wurde vorsorglich von der Polizei evakuiert. Es könnte sein, dass die DITIB-Zentrale das neue Ziel von rechten Terroristen geworden ist.

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DITIB-Zentralmoschee in Köln Ehrenfeld

Nach eigenen Angaben erhielt die DITIB um 9:45 Uhr eine Mail mit einer Bombendrohung. Die Polizei wurde über den Notruf um 10.25 Uhr über die Bombendrohung informiert. Polizeibeamte sperrten, nach einer Gefahrenlageeinschätzung, den Nahbereich um die Moschee weiträumig ab und evakuierten die Menschen aus den umliegenden Gebäuden. Zum Zeitpunkt der Räumung sollen sich nach späteren Angaben rund 50 Personen in den Gebäuden befunden haben.

Anschließend begann die Polizei mit einer Durchsuchung aller Räumlichkeiten. Spürhunde wurden eingesetzt, um die Gefahr einer möglichen Sprengstoffexplosion aufzuspüren. Die Sperrungen wurden mehrere Stunden später, gegen 14 Uhr, vollständig aufgehoben. Es wurde keine Bombe gefunden. Mittlerweile ermittelt die Kriminalinspektion Staatsschutz wegen des Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten.

Rechts-terroristischer Hintergrund?

Erste Details aus der Mail deuten auf einen möglichen rechts-terroristischen Hintergrund hin. Anders als von Trittbrettfahrern gewohnt, war die Mail nicht mit Rechtschreibfehlern vollgemüllt. Auch wurden laut ersten Angaben aus Polizeikreisen keine Forderungen in der Mail aufgestellt. Es wurde mit einem Autobombenanschlag gegen die Moschee gedroht. Als Absender wurde mit Volksfront International unterzeichnet.

Diese Gruppierung ist als Neonazi- und rechtsextreme Organisation aus den USA bekannt. Die Volksfront International hat sich zwar offiziell 2012 aufgelöst, allerdings hatte die rechtsextreme und von Skinheads durchströmte Organisation in Deutschland ein sog. Chapter eröffnet, welches die rechtsextreme Organisation im internationalen Rahmen unterstützte. In Deutschland gab es eine aktive NeoNazi-Szene rund um die Volksfront. Die Mail war dem allerersten Eindruck nach anscheinend soweit ernstzunehmen, dass die Polizei nicht lange fackelte und sofort die Räumlichkeiten der DITIB räumen ließ.

DITIB bedankte sich bei den Einsatzkräften und machte auf Übergriffe auf Moscheen in Deutschland aufmerksam

Die Polizei hielt sich aus ermittlungstaktischen Gründen zu Einzelheiten zur Mail weitestgehend zurück. Es wird angenommen, dass der Staatsschutz jetzt versuchen wird, den oder die Urheber der Mail ausfindig zu machen. Dafür soll es eine Prüfung der IP-Daten geben. Sehr aussichtsreich sind solche Bemühungen in aller Regel nicht, wenn die oder der Täter leichte Vorkehrungen getroffen haben ihre Identität zu verschleiern.

Die DITIB selbst zeigte sich in einer Stellungnahme sehr besorgt um das Leben und die Sicherheit der Mitarbeiter, der Gemeindemitglieder und der täglichen Besucher vor Ort. “Wir danken der Polizei für den schnellen und umsichtigen Einsatz vor Ort. Die weiteren Ermittlungsergebnisse bleiben abzuwarten”, heißt es in einer am Nachmittag veröffentlichten Stellungnahme des Vorstands. Gleichzeitig bilde die Bombendrohung nur einen vorläufigen Höhepunkt von Angriffen auf Moscheen, die sich in den letzten Tagen gehäuft hätten. So hätten Unbekannte am 4. Juli bereits eine Moscheegemeinde der DITIB in Schleswig verwüstet und zerrissene Koranseiten in der Toilette verteilt. Ähnliches war zuvor auch in einer Moschee in Bremen passiert.

Solidarität mit der DITIB durch den Koordinationsrat der Muslime

Außerdem hatte es in der Nacht zum Dienstag einen Angriff auf die DITIB-Moscheegemeinde in Karlsruhe gegeben. Dabei wurde die DITIB-Fahne vom Flaggenmast abgenommen und verbrannt. Die DITIB-Gemeinden seien aufgrund der Anschläge und Bedrohungen in den letzten Wochen in höchstem Maße besorgt. “Hierbei zeigen sich erneut Korrelationen zwischen gesellschaftlichen Debatten und Angriffen auf Moscheen und Muslime, auf die DITIB bereits seit Jahren auch mit wissenschaftlichen Evaluationen und Untersuchungen hingewiesen hatte”, erklärte der DITIB-Vorstand.

Solidarität erhielt die DITIB-Zentrale unterdessen vom Koordinationsrat der Muslime (KRM), indem man selbst Mitglied ist. Die aktuelle Sprecherin des Koordinationsrates der Muslime, Nurhan Soykan, erklärte: „Wir sind entsetzt, dass die rechtsradikale Hetze uns Tag für Tag in Angst und Schrecken versetzt und einen ungestörten Moscheetagesablauf behindert. Sie greift in unser Leben als Muslime erheblich ein und verstört gerade die junge Generation. Solche Ereignisse sind prägend für das gesamte Leben.“

KRM fordert Neueinschätzung der Gefahrenlage für Moscheen

Die Polizei ändere trotz der besorgniserregenden Entwicklungen ihre Gefahreneinschätzungen nicht, warf der KRM den Sicherheitsbehörden vor. “Es muss mehr getan werden, um Moscheen und muslimische Einrichtungen in Deutschland besser zu schützen und den rechten Extremismus zu bekämpfen”, heißt es weiter. Übergriffe und Kriminalität aus dem rechten Spektrum gegen Muslime hätten laut KRM in Quantität und Qualität ein unerträgliches Maß erreicht.

Dieser Forderung schloss sich auch der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, energisch an. “Angesichts der anhaltenden Angriffe auf Gotteshäuser in immer kürzeren Zeitabständen erwarten wir von der Politik ein umfassendes Sicherheitskonzept zum Schutze unserer deutschen Moscheen. Sie sind öffentliche Gebäude des Landes und als Religionsstätte genießen sie unseren besonderen Schutz”, erklärte Mazyek in einer eigens verbreiteten Pressemitteilung.

Aufruf zur Solidarität mit der DITIB-Zentralmoschee

Der KRM sieht in der Bombendrohung einen Angriff gegen die gesamte Gesellschaft. Der Koordinationsrat lädt deshalb alle Kölnerinnen und Kölner dazu ein, sich beim Freitagsgebet um 13.30 Uhr auf dem Gelände der Zentralmoschee in Köln einzufinden, um ein Zeichen der Solidarität mit der bedrohten DITIB zu zeigen. Ob der Aufruf Kölnerinnen und Kölner erreicht und auch gesamtgesellschaftliche Solidarität fördert, bleibt abzuwarten.

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