Ist Adoption im Islam erlaubt?

Weil es in einer heutigen Sitzung in Instagram aufkam, geht es in diesem Kurzbeitrag um die Frage, ob es islamisch erlaubt ist, ein Kind zu adoptieren.

In der heutigen Runde von Ali Dönmez und Nadire Biskin auf Instagram ging es um die Serie “Bir başkadır”. (Spoiler!!!) Darin kommt auch die Frage nach Adoption und das Verheimlichen der leiblichen Elternschaft vor. Ich habe in der Runde im Chat kurz gesagt, dass der Islam sehr wohl Adoption erlaubt, allerdings darf die leibliche Verwandtschaft und Adoption nicht verschwiegen werden. Natürlich ist die Antwort zu kurz und muss noch etwas ausgeführt werden.

Das islamische Recht kennt keine Adoption im heutigen Sinne

Das islamische Recht kennt die Adoption, wie wir sie heutzutage in Deutschland, der Türkei und anderen Ländern durchführen, nicht. Eine Adoption bedeutet hierzulande die Übertragung sämtlicher Rechte und Pflichten, die sich aus dem Verwandtschaftsverhältnis zwischen Eltern und Kind ergeben können. Das ist im Islam nicht möglich. Hierzu gibt es auch zwei Verse (4–5) in der Sura Ahzab (33) im Koran, die sich teilweise auch direkt auf den Ziehsohn des Propheten (saw) beziehen.

“Allah hat keinem Menschen zwei Herzen in seiner Brust gegeben, noch hat er die Frauen, von denen ihr euch mit der Formel scheidet, sie seien euch ebenso verboten wie der Rücken euerer Mütter, zu eueren Müttern gemacht, noch euere Adoptivsöhne zu eueren leiblichen Söhnen. Das sind (nur) Worte, die ihr im Mund führt. Allah aber spricht die Wahrheit, und Er alleine leitet auf den rechten Weg. Nennt sie nach ihren Vätern; das ist gerechter vor Allah. Wenn ihr ihre Väter nicht kennt, dann sind sie eure Brüder in der Religion und eure Schützlinge. Es ist für euch keine Sünde in dem, was ihr an Fehlern begeht, sondern was eure Herzen vorsätzlich anstreben. Und Allah ist Allvergebend und Barmherzig.”

Der erste Vers ist sehr wichtig, weil er darauf hinweist, dass Adoptivsöhne (im arabischen Raum waren damals nur Adoptionen von Jungen möglich) nicht zu den leiblichen Söhnen zählen. Der zweite Vers weist hingegen darauf hin, dass die Adoptivkinder nach ihren Vätern benannt werden sollen — ein klarer Hinweis auf die eigentliche Abstammung. Das ist wichtig für die Einordnung des Themas.

Adoption in einem islamischen Rahmen ist möglich

Die bekannteste Überlieferung für eine Adoption im Islam ist der Ziehsohn des Propheten (saw), Zaid ibn Hāritha (ra). Dieser wurde verschleppt und als Sklave verkauft. Er landete bei Chadidscha (ra), der ersten Ehefrau des Propheten (saw). Sie schenkte ihm Zaid (ra) zur Hochzeit als Diener. Doch der Prophet (saw) befreite Zaid und nahm ihn, wie es damals geltendes Recht war, per Vertrag als Ziehsohn auf. Zaid wurde zwischenzeitlich auch als “Zaid ibn Muhammad” bezeichnet, also Sohn des Muhammad.

Doch dieses Verhältnis wurde später aufgehoben, nachdem der Islam durch den Propheten (saw), die Adoption, wie oben beschrieben, nicht als vollwertige Adoption im heutigen Rechtssinn anerkannt hat. Hierzu gehört auch der Vers 40 der Sura Ahzab. Darin heißt es ungefähr:

“Muhammad ist nicht der Vater eines euerer Männer, sondern Allahs Gesandter und das Siegel der Propheten. Und Allah kennt alle Dinge.”

Der Islam erlaubt die Aufnahme von Ziehsöhnen oder Ziehtöchtern. Dabei müssen aber vor allem die Regeln der Verwandtschaftsverhältnisse (mahram) beachtet werden. Das bedeutet, dass ab einem gewissen Alter die Geschlechtertrennung beachtet werden muss, wie sie gegenüber Fremden beachtet wird. Es darf auch nicht die Herkunft eines Kindes verleugnet werden. Und zu guter Letzt sind Kinder aus solchen Verhältnissen auch nicht erbberechtigt.

Gelebte Praxis sieht anders aus

In der Praxis ergeben sich dadurch oft Probleme, welche einer Adoption im heutigen, klassischen Sinne entgegenstehen. Viele Muslim*innen entscheiden sich gerade deshalb gegen eine Adoption. Jedoch kann es gute Gründe geben, obwohl eine Adoption im klassischen Sinne ein Problem darstellt, ein Kind zu adoptieren. Das liegt an anderen Geboten und wichtigen, tugendhaften Handlungen, die ebenfalls im Koran Erwähnung finden.

Im Koran wird insbesondere der Aufnahme, der Pflege und der Ernährung eines Waisenkindes viel Wert beigemessen. Im rechtlichen Rahmen ist die Adoption faktisch aufgehoben worden. Im gelebten Islam hingegen haben sich neue Sonderformen entwickelt. Dazu ist auch das Recht in verschiedenen, muslimisch geprägten Ländern, im Laufe der Zeit den Ansprüchen und Notwendigkeiten entsprechend verändert worden.

Sonderkonstruktionen und Behelfskonstrukte

Sonderkonstruktionen unter Wahrung der wichtigen Gesichtspunkte sind dadurch durchaus gegeben gewesen. So hat der Status einer Pflegefamilie oder einer nicht-erbberechtigten Adoption vor allem in der türkischen Epoche eine Renaissance erlebt. Gerade die Waisenhilfe und später auch Organisationen wie der “Himaye-i Etfal” haben eine jahrhundertealte Tradition, die heute in der Jugendfürsorge gelebt werden.

Entsprechend kann man heutzutage durchaus sehr offen sagen, dass der Koran eine Adoption, wie sie hierzulande möglich ist, ablehnt. Durch Ersatzkonstruktionen erlaubt der Islam aber, in sehr engen Rahmen die Aufnahme von Kindern zur Pflege und zum Großziehen. Dazu kommen Traditionen, die sich entsprechend verschiedener Prägungen gebildet und in Recht gesetzt wurden.

In Deutschland ist aktuell unter Muslim*innen ein verstärktes Interesse für das Thema Pflegefamilie zu beobachten. Das hat auch damit zu tun, dass zuletzt vielerorts nach muslimischen Pflegefamilien gesucht wurde, für Kinder, die von Jugendämtern in Obhut genommen wurden und bei dessen leiblichen Eltern es sich um Muslim*innen handelt.

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