Gibt es den Nikolaus?

Über Erziehungsfragen muslimischer Eltern gibt es viel Spekulation. Heute mal ein kleiner Einblick in reale Situationen.

Als unsere Tochter noch im Kindergarten war, hielt es meine Frau für angemessen ihr zu erklären, dass es keinen Nikolaus und keinen Weihnachtsmann gibt. Dies hatte zur Folge, dass unsere Tochter Ihren Freund*innen erzählte, dass es keinen Nikolaus gibt. Die Eltern waren aufgebracht, die Erzieher*innen baten mich um ein Gespräch. Ich hatte davon nicht viel mitbekommen. Ich erklärte aber meiner Tochter, dass es natürlich einen Nikolaus gibt. Sie strahlte daraufhin über beide Ohren.

Nikolaus mit Geschenken und Süßigkeiten. Photo by Ilona Frey on Unsplash

Anderer Glaube, andere Sitten

Das war kein Kuschen vor einer Gesellschaft, die sich Fantasiewesen ausdenkt. Das war kein Disput mit meinem Glauben. Es war einfach die Erfahrung, die ich selbst gemacht hatte, die aus mir sprach. Als ich sieben Jahre alt war, hatte ich das erste Mal vom Nikolaus gehört. Meine nicht-muslimischen Freund*innen erzählten alle, was sie schon seit Jahren erlebt hatten. Ihre geputzten Stiefel waren zu Nikolaus gefüllt mit Bonbons.

Okay, bei einigen polnischen Schüler*innen gab es auch mal eine Rute oder eben nichts. Der polnische Nikolaus ist nämlich strenger als der deutsche Nikolaus. Der taucht auch mal gerne mit seinen zwei Begleitern, einem Teufel und einem Engel, in der Schule auf und stellt den Schüler*innen Fragen. Wenn sie richtig antworten, gibt es Geschenke. Doch alles in allem freuten sich alle auf den Nikolaus.

Enttäuschung und Überraschung

In dem Jahr putzte ich meine Stiefel und stellte sie hinaus vor die Tür. In einem Wohnhaus, wo nur Herr und Frau Müller vom Nikolaus überhaupt etwas wussten. Meinen älteren Geschwistern sagte ich nichts. Am nächsten Morgen ging ich zur Tür und fand: nichts. Ich war bitter enttäuscht. Ich sagte mir irgendwann, der Nikolaus kommt nur zu den reichen Kindern. Denn in unserer Vorstellung waren wir arm. Materialismus, der sich auch in dem ausdrückt, was wir vermeintlich nicht erhalten oder bekommen haben.

Ein Jahr später, zu gleicher Zeit, machte ich mich gerade fertig, um in die Moschee zu gehen und den Koranunterricht zu besuchen. Als ich die Tür am Nikolaustag öffnete, war da ein Stiefel und darin waren viele Süßigkeiten. Ich brachte das Zeug sofort ins Haus, zeigte es meinen Eltern und hüpfte und sprang. Mein Vater nahm die Sachen und sagte mir: “Es gibt keinen Nikolaus.” Ich müsse das endlich verstehen. Jahre später erfuhr ich von Frau Müller, dass Sie es nicht übers Herz gebracht hatte, mich so traurig zu sehen.

Wann nehmen wir unseren Kindern ihre Kindheit?

Meine Eltern meinten es weder böse noch gut. Sie haben für Brauchtum anderer einfach keinen Sinn gehabt und waren letztlich in einer Parallelgesellschaft unterwegs. Erst später, schenkte mein Vater zu jedem Bayram auch der Familie Müller etwas und berichtete über unsere Riten. Natürlich in einem deutsch, dass ich übersetzen musste. Natürlich auch deshalb, weil langsam in den Predigten darüber informiert wurde, wie wichtig die nachbarschaftliche Pflege, auch zu nicht-Muslim*innen, wichtig ist. Wir waren nicht mehr einfach nur da. Wir setzten uns mit unserem Umfeld auseinander, wenngleich die Barrieren natürlich nicht weg waren.

Doch die Frage ist, haben es meine Eltern mit dieser Erziehung gut gemacht? Wenn man sich uns anschaut (wir sind drei Geschwister), dann denke ich ja. Auf der anderen Seite fehlt es uns an nostalgischen Erinnerungen in unserer Kindheit. Wir waren die Kinder von Gastarbeitern. Wir haben als Muslim*innen unser Dasein im sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg gefristet. Unsere Klamotten oder unsere Spielzeuge waren entweder Secondhand oder aus dem Sperrmüll gefischt. Wir waren Gäste, die sich anschickten, irgendwann zurückzureisen. Es wurde nichts in Neues investiert.

Erziehungsfragen

Diese Erfahrung prägt. Meine Frau und ich haben unterschiedliche Ansätze in Erziehungsfragen. In vielerlei Hinsicht geben wir unseren Kindern all das, was wir uns selbst gewünscht hätten. Ich möchte vor allem unseren Kindern die Möglichkeit geben, die gleichen Erfahrungen zu machen, wie andere Kinder auch. Ich habe nämlich viele schöne Dinge verpasst und viele Dinge vermisse ich heute und es gibt keine Möglichkeit irgendetwas nachzuholen. Wir feiern bloß kein Weihnachten und wir geben unseren Kindern auch nichts zum Nikolaus.

In diesem Jahr war es allerdings ein Novum. Vor der Tür hatte ein uns unbekannter Nikolaus Süßigkeiten und Spielzeug für die Kinder abgelegt. Meine Tochter wollte sich gerade ihre Schuhe zubinden, als sie die Geschenke vor der Tür fand. Sie brachte Sie direkt zu uns und fragte, wer das gewesen ist. Ich sagte: “Es war vermutlich der Nikolaus.” Meine Frau war hingegen etwas überrascht und wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Denn die Geschenke und Süßigkeiten trafen genau den Geschmack unserer Kinder. Es musste also von einer Person kommen, die uns und die Kinder gut kannte.

Was Kinder wirklich brauchen

Am späten Nachmittag, kam meine Tochter an diesem Tag zu mir und wollte etwas mit mir besprechen. Etwas Wichtiges, wie sie sagte. Ich wartete ab und schließlich kam die Frage: “Baba, wer hat uns Süßigkeiten und Spielzeug geschenkt?” Ich sagte wieder: “Vermutlich war es der Nikolaus.” Sie schaute mich an und sagte: “Baba, es gibt keinen Nikolaus. Du brauchst mir nichts vorzumachen. Wer ist es gewesen?”

Die Ansprüche und Sorgen, die wir als Eltern haben, sind manchmal völlig übertrieben und zu sorgsam ausgestaltet. Solche Momente erinnern mich daran, dass Kinder keinen Nikolaus brauchen, sondern sorgsame Eltern, eine liebevolle Familie, gute Freund*innen, Freiräume und Platz für ihre eigenen Träume. Und als Eltern, gerade als muslimische Eltern, sollten wir unseren Kindern die Möglichkeit geben, sich selbst zu entfalten.

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Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

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