Ebubekir Sifil, ibn Salul und das Totengebet im Islam

In der Türkei gibt es aktuell eine größere Diskussion über das Totengebet für Muslim*innen. Ebubekir Sifil, ein erzkonservativer und einflussreicher Prediger, fordert die Religionsbehörde DIYANET dazu auf, Menschen das Totengebet zu verweigern, wenn diese sich über den Islam lustig gemacht haben. Doch wie ist der Umstand eigentlich zu bewerten? Ein paar Gedanken zu dieser Thematik.

Grabsteine auf dem muslimischen Friedhof der Süleymaniye Moschee in Istanbul — Copyright: Akif Sahin

Vor vielen vielen Jahren nahm ich an einem Totengebet teil. Ich stellte mich allerdings demonstrativ neben die Betenden und schaute nur zu, ohne mich dem Gebet anzuschließen. Die Person, die verstorben war, war ein bekannter Islamhasser und Heuchler. Sein letzter Wille war es dennoch, nach islamischem Ritus beerdigt zu werden. Der Imam wusste um den Sachverhalt, betete das Totengebet dennoch.

Ich war damals sehr verbittert und in der Diskussion im Anschluss an all das Geschehene rechtfertigte sich der Imam mir gegenüber: “Sieh mal, in der Prophetenbiografie von Muhammad (saw) gibt es eine Geschichte hierzu. Es ist falsch anzunehmen, dass eine solche Person ins Paradies eintreten wird. Es ist auch falsch das Totengebet für eine solche Person zu verrichten. Aber und das sage ich dir als ein weiser Mensch: Dieses Gebet kann dazu führen, dass Angehörige dieses Menschen zum wahren Glauben finden.”

Totengebet wird in der Türkei für alle verrichtet — es gibt aber Ausnahmen

Aktuell ist in der Türkei eine Diskussion darüber entbrannt, ob alle Muslim*innen ein Totengebet erhalten sollen. Die DIYANET stellt bisher Imame und religiöses Personal ab, die das Totengebet für alle verrichten, die sich selbst als Muslim*innen bezeichnen und ein solches Gebet entweder selbst gewünscht haben oder deren Familie ein solches Gebet wünscht. Es wird nicht nach Herkunft unterschieden und auch nicht in die Vita der Person geschaut. Ein Umstand, der häufig von Predigern aus dem konservativen Lager stark kritisiert wird.

An diesem Wochenende ist es dann zu einer neuerlichen Diskussion über diese Praxis gekommen. Ebubekir Sifil, ein prominenter und erzkonservativer Prediger, forderte die DIYANET dazu auf, Menschen das Totengebet zu verweigern, die sich über den Islam oder das Gebet lustig gemacht haben. Aktuell hagelt es gegen den Prediger Anzeigen, weil einige Akteure der Meinung sind, es handle sich bei dem explizit gesagten um Volksverhetzung. Gleichzeit erfährt Sifil viel Unterstützung im Social Web unter dem Hashtag #EbuBekirSifilYalnizDegildir (Ebubekir Sifil ist nicht allein).

Mit seiner Forderung reiht sich Sifil in eine Reihe prominenter konservativer Prediger ein. In der Vergangenheit wurden immer wieder solche Forderungen laut. Die DIYANET selbst hat ihren Teil ebenfalls dazu beigetragen. Nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 hat die DIYANET öffentlich bekannt gegeben, das Totengebet für “Verräter und Putschisten” nicht mehr zu verrichten. Betroffen von der Regelung waren neben den gescheiterten Putschisten vor allem Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, dessen Organisation hinter dem Putschversuch gestanden hat. Davor hatte es ähnliche Maßnahmen bei Begräbnissen von Terroristen der PKK gegeben.

Forderung nicht neu und hat einen ernsten Hintergrund

Die Forderung ist also an sich nicht neu. Sie hat aber einen ernsten Hintergrund, der auch in der Biografie des Propheten (saw) zu finden ist. Der Fall von Abdullah bin Ubayy ibn Salul oder auch kurz ibn Salul. Ibn Salul gilt als einer der größten Heuchler, die es zur Zeit des Propheten (saw) gegeben hat. Ibn Salul hat nicht nur mit Feinden intrigiert, sondern auch offen zur Feindschaft gegen den Propheten (saw) aufgerufen.

Nachdem er gestorben war, ging sein Sohn zum Propheten (saw). Dieser war einer der Gläubigen und bat den Propheten (saw) um sein Gewand als Leichentuch für seinen Vater und darum, dass der Prophet (saw) auch das Totengebet für seinen Vater verrichtet. Dies sei der letzte Wille seines Vaters gewesen. Unser geliebter Prophet (saw), diese Barmherzigkeit für alle Welten, hat sein Gewand gegeben und war bereit das Totengebet zu verrichten.

Totengebet von ibn Salul

Der einzige, der ihm widersprach und ihn aufforderte das Gebet nicht zu verrichten, war die Gestalt der Gerechtigkeit unter den Prophetengefährten, Umar (ra). Der spätere Kalif (ra) appellierte an den Propheten (saw), dass es nicht rechtens sein könne, das Totengebet für einen Heuchler zu verrichten. Er verwies dabei auf den Vers 80 der Sura 9.

“Bitte um Verzeihung für sie oder bitte nicht um Verzeihung für sie. Auch wenn du siebzigmal um Verzeihung für sie bätest, so wird ihnen Allah doch niemals verzeihen. Dies, weil sie nicht an Allah und (auch) Seinem Gesandten nicht glaubten. Und Allah leitet die Frevler nicht.”

Muhammad (saw) verrichtete dennoch das Totengebet für ibn Salul. Dieser Vorfall wird häufig von verschiedenen Predigern unserer Zeit nur bis hierher erzählt. Damit will man zum Ausdruck bringen, welch Gnade der Prophet (saw) hatte. Allerdings geht die Geschichte weiter und sie muss richtig und zu Ende erzählt werden. Denn der Fall ibn Salul ist hier nicht abgeschlossen.

Das letzte Totengebet für Heuchler*innen

Es war nämlich das letzte Totengebet, dass der Prophet (saw) für Heuchler*innen verrichtete. Denn kurze Zeit später wurde, wie als Bestätigung für die Haltung von Umar (ra), dem Propheten (saw) ein weiterer Koranvers offenbart. Es ist der Vers 84 der Sura 9. Darin heißt es:

Und bete nie über einen von ihnen, wenn er starb, und stehe nicht an seinem Grab. Siehe, sie glaubten weder an Allah noch Seinem Gesandten und starben als Frevler.

Nach diesem Vers hat der Prophet (saw) nie wieder ein Gebet für Heuchler*innen, die ihm allesamt bekannt waren, verrichtet. Tatsächlich war ibn Salul die letzte Ausnahme und auch der Prophet (saw) hatte seine Gründe dafür, warum er — trotz Bedenken seiner wichtigen Freunde und Gefährten — das Gebet für ibn Salul verrichtete.

Warum verrichtete der Prophet (saw) das Gebet für Ibn Salul?

Als der Prophet (saw) schließlich gefragt wurde, warum er sein Gewand ibn Salul als Leichentuch gegeben hat und warum er das Totengebet für diesen Heuchler verrichtet hat, antwortete er sinngemäß:

“Weder mein Gewand, noch mein über ihn verrichtetes Totengebet können ihn vor der Bestrafung meines Herren schützen. Doch ich hoffe, dass durch meine Tat aus seiner Sippschaft 1.000 Menschen wahre Gläubige werden.”

- (Taberi, Tafsir, 10:206)

Tatsächlich nahmen auch über 1.000 Menschen aus der Sippschaft von ibn Salul später den Islam an. Umar (ra) war laut den Berichten von damals so beschämt, dass er noch einmal in sich ging und schließlich sagte: “Allah und sein Gesandter wissen es wahrlich besser.” (Sira, 4:197)

Fazit

Tatsächlich ist der offenbarte Vers 84 in Sura 9 ein striktes Gebot das Totengebet den Heuchler*innen zu verweigern. Doch wie schon mein Imam es mir damals versucht hat zu erklären, kann es gute Gründe geben, das Totengebet dennoch zu verrichten, auch wenn man weiß, wer da letztlich vor einem liegt. Wie wichtig das sein kann, habe ich im Übrigen Zeit meines Lebens immer wieder verfolgen können.

Menschen, die Trauer verarbeiten wollen und Trost suchen, so vor den Kopf zu stoßen und das Gebet zu verweigern, ist brutal. Ich kenne mehrere Fälle, wo dies passiert ist. Familien zerbrechen an solchen Haltungen und Menschlichkeit sowie Güte gebieten es uns, doch noch einmal in uns zu gehen. Wenn unsere Niyya (Absicht) aufrichtig ist und durch die Trauerbegleitung auch Menschen zum Islam finden können, dann sollten wir darüber nachdenken, ob eine strikte Haltung, wie sie Umar (ra) gefordert hat, immer auch zum gewünschten Ergebnis führt.

Menschen wie Ebubekir Sifil machen es sich aus meiner Sicht daher sehr einfach, wenn sie sagen: “Verrichtet das Gebet nicht.” Denn Menschen sind nicht isoliert zu betrachten. Sie haben Verwandte, Familie, Freunde und sind in einem sozialen Netz unterwegs. Menschen sind nicht frei von Fehlern und können sich auch irren und später doch zum richtigen Pfad finden.

Und letztlich können wir — trotz vielem, was augenscheinlich erscheint — nie wissen, was wirklich in den Herzen der Menschen ist. Wir sollten uns aber einig darin sein, dass wir Heuchlertum nicht belohnen. Ein Totengebet ist jedoch keine Belohnung für die Heuchler*innen.

Und Allah (swt) weiß es am besten.

Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. Imprint, Links and Donate: https://linktr.ee/akifsahinde

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