Die Ayasofya (Hagia Sophia) soll nun eine Moschee sein

Über eine Entscheidung, deren Implikationen noch lange nicht klar sind und die mehr als ein einfaches politisches Signal darstellt.

İlber Ortaylı ist aus meiner Sicht der vermutlich wichtigste türkische Historiker unserer Zeit. Der im Mai 1947 im österreichischen Bregenz als Krimtatare geborene Ortaylı ist mit allen Wassern gewaschen, denkt über den Horizont hinaus und ist durch seine populärwissenschaftlichen Arbeiten und seine Kolumnen auch eine angesehene und bekannte Größe für die türkische Bevölkerung geworden. Ortaylı ist sich in seiner Karriere und in seinem Leben immer treu geblieben. Auch beim Thema Ayasofya (Hagia Sophia) zeigte er sich anders und über den Tellerrand hinaus denkend, als viele erwartet hätten.

Die Ayasofya (Hagia Sophia) nicht als politisches Instrument missbrauchen

Der Historiker griff, wie es sich für einen Historiker gehört, auf die eigene türkische und muslimische Geschichte zurück, um zu erklären, warum die Ayasofya weiterhin ein Museum bleiben sollte. Ortaylı unterstrich bereits im Juni in einer Live-Sendung, dass der Status als Museum erhalten bleiben sollte. Man solle sich an der Entscheidung der damaligen Regierung der Türkischen Republik orientieren. Gleichzeitig warnte Ortaylı, dass man die Ayasofya nicht “zu einem politischen Instrument” machen dürfe.

Er zog in dieser Sendung auch das Beispiel der Mezquita in Cordoba heran. Er kritisierte, dass die Moschee zu einer Kirche umgewidmet wurde. Dies sei schrecklich. Mittendrin sei eine Kirche gebaut worden, die weder ästhetisch noch angemessen sei. Aber genau hier warnte er davor, sich so zu verhalten wie die Menschen, die eben die Moschee zu einer Kathedrale gemacht haben. “Wir sind keine Spanier. Wir sind eine Weltnation. Wir können uns nicht an den beschränkten Gruppen in Westeuropa orientieren.” Gleichzeitig warnte Ortaylı davor, dass die geplante Nutzungsänderung der Hagia Sophia auch ähnliche Aktionen gegenüber Moscheen im Ausland zur Folge haben könnte.

Am 24. Juli soll in der Ayasofya wieder ein Freitagsgebet stattfinden

Für seine Kritik an dem Vorhaben wurde Ortaylı durch die AKP-nahen Medien und Kreise in der Türkei quasi gelyncht. Dazu kamen auch AKP-Fanboys, die dem Historiker plötzlich vorwarfen, er sei kein echter Türke. Der Historiker galt davor immer schon als staatstreu und durchaus hin und wieder als stark nationalistisch. Auf der anderen Seite war Ortaylı jedoch auch ein Intellektueller, der sich für sein Land einsetzt und die Contenance bewahrt, um kritisch mit unüberlegten Handlungen umzugehen. Seine Kritik und Warnung in der Sache halfen am Ende jedoch nichts. [1]

Heute hat das oberste Verwaltungsgericht der Türkei entschieden, dass die Hagia Sophia in eine Moschee umgewandelt werden kann. Die Entscheidung des Ministerrats vom 24. November 1934 über eine Umwandlung zu einem Museum wurde für nichtig erklärt und vom Gericht aufgehoben. Kurz danach hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ein Dekret unterzeichnet, dass die Ayasofya der Religionsbehörde Diyanet unterstellt. Die ersten Planungen sehen ein Freitagsgebet am 24. Juli 2020 in dem Gebäude vor. [2]

Warum ist das Thema überhaupt relevant?

Das Thema ist für viele Muslime überhaupt nicht relevant. Das muss man auch so sagen. Es interessiert die meisten Menschen nicht, sie bekommen von den aktuellen Entwicklungen weitestgehend auch nicht viel mit und sind auch überrascht, dass jetzt der Status geändert werden soll. Entsprechend ist es auch normal, wenn viele Muslime auch gar nichts zur Angelegenheit sagen. Das ist kein Zustimmen, indem man schweigt, sondern schlichtweg Überforderung und Desinteresse.

Relevant ist das Thema tatsächlich für zwei eher politisch-religiös orientierte Gruppen. Die erste Gruppe ist nicht-muslimisch. Es geht dabei um den Vorwurf der Machtdemonstration der “türkisch-islamistischen” Republik. Besonders in Griechendland, aber auch vielen anderen westeuropäischen Staaten, wird der Schritt der Türkei nicht gefallen. Die Hagia Sophia gilt diesen Gruppen als heilig. Sie würden, wenn sie könnten, das Gebäude sofort in eine Moschee umwandeln und den Namen Istanbuls zurück zu Konstantinopel umschreiben.

Die andere Gruppe, die ist für das Verständnis hinter dieser Aktion interessanter. Es sind politisch-motivierte Türken, die auch islamistisches Gedankengut mit sich tragen. Darin ist auch eine Form von Verschwörungsmythos enthalten. Sie glauben, dass die Türkei erst dann frei sein wird, wenn die Ayasofya als Moschee genutzt wird. Für diese Menschen ist auch ein Beginn der sog. Endzeit, die vor allem im Islam eine Rolle spielt mit der Öffnung der Hagia Sophia verbunden. Sie verbinden das Schicksal der Ayasofya mit dem untergegangenen Osmanischem Reich und hoffen, dass die die Türkei bald wieder in altem Glanz erstrahlt.

Verschwörungsmythen als Grundlage für politischen Erfolg bei Nationalisten und Islamisten

Das mag sich jetzt verrückt anhören, aber der Plan die Hagia Sophia zu öffnen war schon immer politisch vorhanden. Immer wieder wurde in der türkischen Republik über einen solchen Schritt diskutiert, aber man wagte in der säkularen Türkei nicht, den Schritt wirklich zu gehen. Das lag auch an den ungeklärten politischen Implikationen.

Wirklich Nahrung in der politischen Agenda hat es erst durch den Aufstieg eines drittklassigen Autors und Journalisten als Unterstützer der AKP bekommen. Die Rede ist von Turgay Güler. Der 1975 in Malatya geborene Autor und Journalist ist eine interessante Größe in der journalistischen aber auch politischen Landschaft in der Türkei. Er machte sich vor allem mit ersten Jobs bei islamistisch orientierten Fernsehsendern und Zeitungen einen Namen, ehe er zu eher nationalistisch ausgerichteten Medien wechselte.

Güler hat jedoch auch quasi eine Blaupause geschrieben, die sich mit der Öffnung der Hagia Sophia befasste und der damit möglicherweise eintretenden Implikationen. Das Werk verkaufte sich nicht nur gut (mehrere Auflagen), Gülers Ideen fanden auch über diverse Politiker der AKP ihren Weg in politische Arbeiten und Forderungen. Immer wieder wurde das Thema aufgegriffen, um bei den Rändern und in der eigenen Klientel zu punkten. Es waren oft leere Wahlversprechungen.

Fantasien als politische Agitationen

In seinem 2006 erschienenen (den Verschwörungsmythen zuzuordnenden) Buch “MehdiX” beschreibt Güler, wie ein auserwählter Mensch (Messias, Mehdi) die Öffnung der Hagia Sophia im Jahre 2020 forciert und beschreibt das unendliche Gefühl, dass dem Messias und dem türkischen Volk zuteil wurde, als die Ayasofya eröffnet, der erste Gebetsruf das Wasser in die Augen drückte und schließlich das gemeinsame Freitagsgebet verrichtet wurde. Es läutet die Endzeit ein, weil alle westlichen Länder die Türkei versuchen nach der Öffnung fertig zu machen. Doch der Messias zwingt in diesem — höchst antisemitischem Buch — selbst Israel in die Knie. Politisch wurde damit vor allem die Fantasie über eine unsichtbare politische Macht im Ausland genährt. Das Buch befand sich auch in der Standardliteratur türkischer Islamisten-Gruppen in Deutschland. [3]

Solche Fantasien bilden mittlerweile die Grundlagen für politische Agitation in der Türkei. Es wäre zum Heulen, wenn man nicht wüsste, wie Turgay Güler schon in der Vergangenheit innerhalb der AKP auch politische Gegner von seinen AKP-Freunden angegriffen hat. Darunter waren auch so prominenten Namen wie Mustafa Yeneroglu, ehemaliger Generalsekretär der IGMG, der später dann die AKP verließ und gegenüber den Anfeindungen von Güler kaum etwas ausrichten konnte. Insider sagen sogar, ohne die Angriffe von Güler, wäre Yeneroglu nicht so tief bei der AKP gefallen. Zuletzt verließ der gescheiterte Politiker die AKP und engagiert sich aktuell in einer Splitterpartei. [4]

Zweifelhafter Erfolg

Eine ganze Generation von AKP-Anhängern lässt sich aber genau durch solche Menschen lenken und orientieren. Ihnen fällt nicht mal mehr auf, wohin die Reise geht. Jetzt wird über die Eröffnung der Hagia Sophia als Moschee gejubelt. Dabei sollte die berechtigte Frage sein, war es denn überhaupt notwendig? Und ist das überhaupt das Ende vom Lied? Wenn man die UNESCO aktuell verfolgt, so sieht man, dass es bereits davon spricht der Ayasofya den Status, als Weltkulturerbe zu nehmen. Hinzu kommen Einschränkungen bei der Änderung von Nutzungen von Weltkulturerbe-Objekten. Das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen zu sein. [5]

Der “Erfolg” dieser Maßnahme dürfte außerdem sehr gering ausfallen. Klar jubeln jetzt Menschen und Massen aus dem islamischen und islamistischem Spektrum in der Türkei über die Öffnung. Schließlich wird ein als geheiligt geltendes Objekt für alle zur Moschee eröffnet. Diese Wählerschichten wird die AKP aber nicht erreichen. Sie hat auch keinen Nutzen davon. Dazu kommt die Frage auf, wie man die Hagia Sophia als Moschee wirklich gut nutzen möchte.

Bereits jetzt kann in der Hagia Sophia gebetet werden und der Gebetsruf erhallt durch die Räume

Was vielen weiterhin unbekannt ist, dass man in einem abgeschirmten Bereich sich bereits jetzt zum Gebet einfinden kann — auch zum Freitagsgebet. Der Eingang ist unscheinbar, die Masdschid wird aber kaum genutzt. Es deutet sich an, dass erneut ein Riesenmoscheekomplex errichtet und hergestellt wird, dass am Ende kaum genutzt werden wird. Auch die Behauptung, die Hagia Sophia erstrahle jetzt erst mit dem Gebetsruf in neuem Glanz ist falsch. Immer wieder wurde in der Vergangenheit der Gebetsruf im Museum aufgesagt.

Wenn man als Besucher das Museum besucht, so war es auch ohne eigenen Gebetsruf eine die Seele beruhigende Stimme von außen, die die Wände und Fresken mit dem Gebetsruf aus den nahegelegenen Lautsprechern der Moscheen erfüllte. Die Menschen, die sich gerade freuen, machen sich zudem keine Gedanken, welche Maßnahmen erfüllt sein müssten, damit das Museum wirklich als Moschee genutzt werden kann. Denn auch da gibt es Hürden. Und die müssen erst einmal gelöst werden.

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Gebetsnische in der Hagia Sophia

Christliche Symbole prägen das Bild der Hagia Sophia von innen

Wer in dem Museum schon mal alles durchlaufen hat weiß, wie viele Fresken, christliche Symbole, inkls. Bildnissen von Stiftern, aber auch religiösen Figuren des Christentums in der Hagia Sophia vorhanden sind. Der Islam erlaubt keine bildliche Darstellung von Propheten, Engeln oder Göttern. Auch nicht von der “Heiligen Jungfrau Maria” oder von “Jesus”. Diese Fresken, Bildnisse, die in die höchsten Kuppeln reichen, müssten verdeckt werden, damit das Gebet in Ruhe und ohne Anbetung von christlichen Symbolen und Bildnissen erfolgen könnte.

Dieser Eingriff allein sollte die Frage aufwerfen, ob es geschickt ist, dass man ein Museum so umfunktionieren möchte, dass dort ein Gebet stattfinden soll. Ich finde es befremdlich, wie mit einem Weltkulturerbe umgegangen wird. Die Gefühle und Handlungen von Muslimen sollten nicht die Gefühle anderer Religionen und religiöser Menschen verletzten. Das wird ein Gebet in einem Museum, dass verbindend für zwei Kulturen war, definitiv sein.

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Das innere der Hagia Sophia ist gefüllt mit christlichen Bildern und Symbolen, die erst durch Restaurierungen hervorgeholt werden konnten.

Verantwortungsvoller Umgang fehlt

Was mich vielmehr stört, als das, ist, dass der eingangs erwähnte Ortaylı ja recht hat. Ich habe als junger Muslim beigebracht bekommen, dass Prophetengefährten (ra) darauf verzichteten in Kirchen zu beten, damit diese nicht zu Moscheen umfunktioniert werden. Auch Fatih Sultan Mehmet Han, der Konstantinopel eroberte und die Hagia Sophia umwidmete, rührte alle anderen Kirchen und Objekte religiöser Zusammenkünfte (wie Synagogen) nicht an.

Für ihn war es wichtig, dass die Untertanen in seinem Reich verstanden, dass jetzt der Islam das Sagen hatte. Dafür wurde symbolisch die Hagia Sophia, auch als eine Antwort an den Erzfeind Byzanz, umgewidmet. Er zerstörte aber weder den Charakter der kirchlichen Baute noch wurden die bis heute erhaltenen Fresken und Bilder zerstört. Man ist mit dem Erbe verantwortungsvoll umgegangen.

Wer sich nun angesichts der jüngsten Entwicklungen so aufspielt, glaubt, er erobere gerade die Hagia Sophia und mache sie zur Ayasofya. Dieser Glaube sei der Person nicht genommen, aber die Person ist weder besser als die Prophetengefährten noch als der wahre Eroberer Istanbuls. Vermutlich ist das auch das Problem unserer Zeit. Die Selbstüberschätzung der eigenen Macht, des Machtgefüges und der unvorteilhaften Annahme, unsere Handlungen hätten keine Folgen.

Wer heute die Ayasofya zur Moschee umwidmet, darf sich nicht beschweren, wenn in anderen Ländern Moscheen geschlossen oder umgewidmet werden. Er ist die andere Seite der Medaille, die wir hier in Deutschland als Rassisten und islamfeindlich beschreiben.

Quellenhinweise:

[1] https://onedio.com/haber/ilber-ortayli-ayasofya-muze-olarak-kalmali-dedi-ve-ekledi-politika-araci-yapilmamali-tehlikeli-908069

[2] https://www.hurriyet.de/news_praesident-erdogan-hagia-sofia-wird-am-24-juni-fuer-freitagsgebet-geoeffnet100044_143538711.html

[3] Die 40. Auflage gibt es auch bei Amazon zu kaufen: https://www.amazon.de/Mehdix-Turgay-Guler/dp/6055878712

[4] Damals als Chefredakteur der mittlerweile verbotenen Günes Zeitung: https://t24.com.tr/haber/gunesin-yayin-yonetmeni-ile-akpli-vekil-arasinda-militan-tartismasi-siz-oturdugunuz-yerden-calip-oynarken,391830

[5] Siehe Erklärung der UNESCO: https://en.unesco.org/news/unesco-statement-hagia-sophia-istanbul

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