Baba… Liest du mir was vor?!

Wie man Kinder für das Lesen begeistert und was eine gute Erziehung für mich persönlich bedeutet.

Wir waren noch Grundschüler*innen als es einen Lesewettbewerb an unserer Schule in der Buddestraße in Wilhelmsburg gab. Unsere Klassenlehrerin, Frau Rüschen, bestand darauf, dass wir uns alle mit einem Lesebuch beteiligten. Unsere Klasse sollte vor der ganzen Schule von einer Person aus unserer Mitte vertreten werden. Ich las aus dem Märchenbuch der Gebrüder Grimm. Es war eine Kurzgeschichte, ich weiß nicht mal mehr, welche Geschichte genau.

Hava, meine beste Freundin und für mich wie eine Schwester, probierte sich an einem deutlich schwierigeren Buch. Sie las vorzüglich und hörenswert. Am Ende stimmte die Klasse für Hava. Ich war todtraurig, weil ich mir bis zu diesem Tag einbildete, ich hätte Talent für das Lesen gehabt. Meine Klassenkamerad*innen kritisierten, ich hätte mir ein gut lesbares und großes Buch mit großen Buchstaben ausgewählt.

Der Erfolg unserer Freund*innen sollte uns anspornen

Es zählte nicht allein die Lesekunst. Ich muss gestehen, ich habe selbst für Hava gestimmt. Sie war beliebter und sie konnte gut lesen. Am Ende setzte sich Hava aber als beste Vorleserin an unserer Schule durch und durfte nach mehreren Stationen auch am Bundeswettbewerb des Börsenvereins teilnehmen. Sie belegte in dem Jahr den dritten Platz. Das war ein großer Erfolg, zumal als Tochter eines Gastarbeiters, der uns alle Stolz machte.

Havas großer Erfolg spornte mich an, mich weiter im Lesen zu üben und meine Erzählkunst auch zu verbessern. Ich betonte die Texte besser, versetzte mich in die Charaktere und versuchte den unterschiedlichen Stimmen in Büchern auch unterschiedliche Stimmen ihrer Charakter entsprechend zu geben. Ich las viel und verbrachte die meiste Zeit nach der Schule in der staatlichen Bibliothek. Der einzige Ort, an dem ich deutschsprachige Bücher ausleihen und lesen konnte.

Der SPIEGEL und anderes Lesezeug

In unserem Haus gab es nur türkische oder arabische Bücher. Mein Vater pflegte seine Koran-, Exegese- und Hadithsammlungen wie seinen Augapfel. Er hatte eine Kasetten-Sammlung mit vielen arabischen Rezitationen des Quran. Es gab aber so gut wie gar keine deutschen Bücher bei uns Zuhause. Die brachte, wenn überhaupt, ich selbst rein. Das einzige, was ich immer wieder bekam, war die neueste Ausgabe des “Der SPIEGEL”, weil mein Vater die weggeworfenen Zeitschriften für mich mitbrachte.

Ich las viele verschiedene Bücher, wie beispielsweise die Geschichten vom “Kleinen Vampir” oder Weltklassikern wie Hamlet. Es brauchte eine Zeit, bis ich nicht nur gut lesen, sondern richtig lesen und verstehen konnte. Es war ein Kampf und dazu auch entscheidend, wie ich mit der Sprache umgehen musste. Einer meiner Lehrer, der heute ein bekannter Berater des türkischen Bildungsministeriums ist, stellte mir die Kunst des Schnelllesens vor und kritisierte mich für meine langatmigen Leseübungen.

Kontext und Kritik

Er gab mir, zwar auf Türkisch, entscheidende Hinweise für Textverständnis, für Kontextanalyse und für Exegese von Werken. Ich glaube, ohne diesen kurzen und kleinen Einfluss dieser einen Person hätte sich mein Verständnis für das Funktionieren der Welt und für die Texte, die ich las, nicht eingestellt. Ich wurde zur kritischen Person, die nicht einfach nur las, was ihr vorgesetzt wurde, sondern auch verstehen wollte, den Kontext berücksichtigte und sich vor allem die Frage stellte: Was wollte der Autor uns damit sagen?

Ich las nun Texte deutlich schneller, hatte eine erhöhte Kapazität bei der Aufnahme von Informationen und nahm mir dennoch die Zeit für tiefergehende Analysen, wenn etwas interessant war. Und heute lese ich Bücher zum Vergnügen. Ich stelle mir nicht die stupide Frage, was der Autor wollte, sondern die Frage, was ich davon für mich mitnehmen kann. Wenn ich dabei auch kontroverses Zeug lese, so bilde ich mich dennoch fort.

Vorbilder lesen vor und stecken mit ihrer Leselust an

Meine Leidenschaft steckt auch an. Das sehe ich gerade bei meinen eigenen Kindern. Seit einigen Wochen lesen wir nun schon den ersten Band von Harry Potter. Kindgerecht, mit einer Betonung und unterschiedlichen Stimmen für die Protagonisten, die selbst erfahrene Synchronist*innen überraschen würden. Ich bin da nicht irgendwie hineingerutscht, ich gebe mir Mühe, meine Kinder für Literatur zu begeistern.

Das fing schon sehr früh an. Es gibt Bilder, die zeigen Sara, meine Tochter, auf meinem Schoß, während ich gerade dabei bin aus dem Quran zu rezitieren. Sie ist auf diesen Bildern gerade mal 1,5 Jahre alt. Doch Kinder wollen eben wissen, was liest da eigentlich Papa und sie nehmen keine Rücksicht auf Uhrzeiten oder Konzentrationsphasen. Der Sohnemann tut es der Tochter gleich. Wobei er den Abstand wahrt und zuhört, wie der Vater aus dem Quran rezitiert.

Das eigene Interesse von Kindern — Wissenshunger

Doch beide zeigten schon sehr früh ihr eigenes Interesse für Bücher. Beide kamen mit Büchern an und baten mich daraus vorzulesen. Klassiker waren dann Bilderbücher für Kinder, bei denen sie mich darum bitten zu erklären, was da gerade genau gezeigt wird. “Baba, liest du mir was vor?!”, war eines der kompletten ersten Sätze meiner Tochter. Und der Satz wird heute nur noch abgekürzt aufgestellt: “Geschichte?!”

Der Vater, der einst vor einem großartigen Publikum gescheitert ist, liest heute seiner Tochter in ihrem Zimmer vor, damit sie einschläft und am nächsten Morgen pünktlich in die Schule gehen kann. Der gleiche Vater, verbringt die meiste Zeit mit seinen Kindern damit, ihnen auf ihre spannenden Fragen Antworten zu geben oder Antworten zu finden. Enthusiasmus beim Lesen steckt dann natürlich an.

Emotionen und Realitäten

Die Emotionen kochen hoch, man zeigt Erleichterung “puh!”, Angst “ohoh!” oder auch Erschauern “Ich hab Angst!”. Doch nichts ist so schön, wie der Spruch: “Danke Baba! Ich hab dich lieb!” Wir arbeiten nun gemeinsam daran, dass meine Tochter selbst lesen kann. Der Sohnemann ordnet schon mal ganz gut das Alphabet (er ist erst 2,5 Jahre alt), aber auch er besteht auf Bücher und Erklärungen. Ich möchte diese Zeit nicht vermissen. Sie erinnert mich an die prekären Umstände und unsere letztlich alternativlose Genügsamkeit in unserer Kindheit.

Eltern wollen für ihre Kinder immer das Beste. Wenn wir unseren Kindern lesen beibringen können und ihre Lust am Lesen erhalten können, gerade in dieser Zeit wo Lese- und Schreib-Kompetenzen von Kindern abgenommen haben, dann ist das viel Wert. Doch die Geschichten, die wir erzählen, können auch sinnstiftend sein. Unsere Tochter weiß, dass wir nicht Reich sind. Sie versteht, dass es Dinge gibt, die wir uns nicht leisten können und die wir auch nicht kaufen, weil es zu teuer ist.

Solidarität und erfolgreiches Lernen

Sie versteht aber auch, dass es wichtig ist zu teilen — auch das Wenige was man besitzt. Einmal hatte sie anscheinend in der Schule nicht genug gegessen und kam halb verhungert Zuhause an und bat ihre Mutter sofort um Essen. Die dachte sich dabei nichts. Ich fragte später aber dann mal still nach. Sie hatte ihr Pausenbrot mit einem Mädchen geteilt. Deren Brotbüchse war leer gewesen. Seither packt meine Frau etwas mehr in die Brotbüchse.

Solidarität, Liebe zu den Mitmenschen und vor allem Verständnis für die Unterschiedlichkeiten halten meine Tochter nicht davon ab, bereits jetzt schon dem Stoff in ihrem ersten Schuljahr gut gewachsen zu sein. Für einen Vater, gerade für einen muslimischen Vater, ist es viel wert, wenn er weiß, dass sein Kind nicht nur erfolgreich lernt, sondern vielmehr als Kind das tut, was Kinder tun sollen. Denn das größte Erbe eines Vaters für sein eigenes Kind ist eine gute Erziehung — wusste auch schon Prophet Muhammad (saw).

Euer Glück ist uns wichtiger als unser eigenes

Es ist super, wenn mein Kind sich für Sport interessiert, sich im Zeichnen, Malen und Basteln austobt und sich darum bemüht mit dem Buchstabensalat schnell zurechtzukommen, weil es gerne Lesen möchte. Wir erziehen unsere Kinder nicht zu nützlichen Idioten, die einfach nur stupide Arbeiten für irgendwelche Konzerne erledigen sollen.

Wir wollen Menschen erziehen, die sich frei entfalten, an andere Denken und sich für eine solidarische Gesellschaft starkmachen. Vor allem aber richtet sich Erziehung immer an dem Maßstab, den wir auch von unseren Eltern gelernt bekommen haben: Das Glück der eigenen Kinder wiegt mehr als das eigene Glück. Oder, wie es mein Vater immer wieder an uns gerichtet sagte: “Ihr sollt es einmal besser haben als wir.”

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Das muslimische Subjekt ist öffentlich. Einsichten, Aussichten und Islamisches. #Islam #Muslim #Hamburg. Impressum: https://www.akifsahin.de/impressum/

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